Einmal Globales Lernen, bitte!

Einmal Globales Lernen, bitte!

Kanzlerin Merkel ließ gestern beim Internationalen Deutschlandforum verkünden, sie wolle ein Netzwerk für globales Lernen aufbauen. Auf der Website ist zu lesen: „Ziel des Internationalen Deutschlandforums ist es, im gemeinsamen Gespräch voneinander zu lernen und langfristig ein Netzwerk für globales Lernen aufzubauen.“

Peter Altmeier betonte, dass in diesem Netzwerk  ein Austausch über Grenzen der Disziplinen und Hierarchien hinweg  stattfinden soll.

Ich finde diese Initiative wirklich gut. Besser finde ich allerdings, dass ich ein solches Netzwerk schon habe. Ich bin ein Teil der internationalen screenshot GVGemeinschaft „Global Voices„. Dies ist eine Gemeinschaft von Bloggern und Übersetzern welche aus 167 Ländern berichten. Die Website wird in 30 Sprachen (auch Deutsch) übersetzt. Dort findet man Artikel, die in den traditionellen Mainstreammedien nicht verfügbar sind. Natürlich greifen Global-Voices-Autoren auch immer aktuelle Nachrichtenthemen auf, aber selbst dann erfahren wir hier neues. Denn die Geschichte wird nicht durch die Augen des deutschen Journalisten gesehen, sondern aus der Perspektive der Menschen vor Ort. Dies ermöglicht einen Perspektivwechsel, wie er auch vom Orientierungsrahmen für den Lernbereich Globale Entwicklung (PDF) gefordert wird.

Das Zusammenarbeiten in dieser Gemeinschaft bedeutet aber noch viel mehr. Man lernt Menschen aus anderen Ländern kennen — zunächst virtuell, später auch persönlich. Durch den Kontakt gewinnt man Eindrücke von dem Leben der anderen. Man wird sich der eigenen Vorurteile und Stereotypen bewusst, beginnt diese infrage zu stellen und lernt zu verstehen, dass die „Anderen“ gar nicht so anders sind. Mit anderen Global-Voices-Mitgliedern arbeitet man länderübergreifend, disziplinenüberschreitend und mehrsprachig an Projekten, recherchiert Artikel und tritt gemeinsam für Meinungsfreiheit auf der ganzen Welt ein. Global Voices wird fast ausschließlich von Ehrenamtlichen betrieben. Und es ist ein Produkt der Gemeinschaft. Ohne die tägliche Arbeit von hunderten Autoren und Übersetzern gäbe es Gobal Voices nicht.

Global Voices kann ein Netzwerk für Globales Lernen für alle sein, denn jeder kann sich einbringen. Studenten oder Schüler können unsere Texte als Übersetzungsübungen verwenden und diese dann veröffentlichen. Im Geografieunterricht kann bei Global Voices zu den Ländern recherchiert werden und hier können ganz neue Perspektiven eröffent werden.  Man kann Themen wie Menschenrechte, Umwelt, Meinungsfreiheit, Migration oder auch Kunst und Literatur in einer globalen Dimension erleben. Es gibt viele Möglichkeiten, globalvoicesonline.org als Quelle für Perspektivwechsel und Horizonterweiterung zu nutzen. Jeder, der sich bei Global Voices einbringt ist automatisch in einem Netzwerk für Globales Lernen involviert.

Ich fürchte ich muss Ihnen mitteilen, Frau Merkel, Sie sind zu spät dran. Wir leben diese Zukunft bereits! (Aber gut, dass Sie ein weiteres Netzwerk für Globales Lernen einrichten wollen. Davon kann es nie genug geben.)

 

 

Ankommen in Deutschland

Ankommen in Deutschland

© dkjs/Björn Bernat

© dkjs/Björn Bernat

Der Fachtag „Ankommen in Deutschland. Bildung und Teilhabe für geflüchtete Kinder und Jugendliche“ fand am 24.11.2014 in Leipzig statt. Er wurde von der Deutschen Kinder- und Jugenstiftung organisiert. Die Nachfrage zu dem Thema war sehr groß, denn die Warteliste war genauso lang, wie die tatsächliche Teilnehmerliste, auf der 120 Personen standen. Die Veranstaltung wurde von unterschiedlichsten Akteuren im Feld der Bildung, der Kinder- und Jugendarbeit sowie Behörden und Institutionen besucht. Eines verband sie jedoch: das Interesse einen besseren Umgang mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen zu verwirklichen.

Nach den üblichen Grußwörtern und einer Grundsatzrede am Vormittag ging es in die Workshops, in denen zahlreiche Projekte vorgestellt wurden, die Kindern und Jugendlichen dabei helfen, sich in Deutschland zurechtzufinden, ihr Trauma zu bewältigen oder wieder an Bildungsprozessen teilzuhaben. Es war in Vorträgen, Diskussionen und Gesprächen zu spüren, dass es eine Unsicherheit gibt, wie eine möglichst problemfreie Inklusion von geflüchteten Kindern und Jugendlichen in Schule oder Ausbildung gelingen kann.

Viele Ideen waren getragen von dem Gedanken, geflüchtete Kinder und Jugendliche und Einheimische zusammen­zubringen. Zwar wurde auch von sogenannten „Willkommensklassen“, in denen Geflüchtete separat in Deutsch unterrichtet werden, gesprochen, aber zum großen Teil wurde diese Segregation abgelehnt oder zumindest nicht als förderlich angesehen. Die Kinder und Jugendlichen sollen schnellstmöglich in reguläre Klassen integriert werden, so der Grundtenor. Auch in außerschulischen Projekten war diese Tatsache die Hauptfrage: Wir bringen wir geflüchtete Kinder und Jugendliche und Einheimische zusammen?

Gegen die pauschale Beschulung in Willkommensklassen sprach sich auch Andreas Meißner vom Bundesverband Unbegleiteter Minderjähriger Flüchtlinge e.V. aus, der betonte, die Kinder und Jugendlichen müssen individuell betrachtet werden. Sie haben sehr unterschiedliche Bildungsbiografien, die bei der weiterführenden Bildung in Deutschland berücksichtigt werden müssen.

Insgesamt ist es der Veranstaltung gelungen, verschiedene Herangehensweisen zu präsentieren, um die Situation der geflüchteten Kinder und Jugendlichen zu verbessern. Es wurde jedoch auch festgestellt, dass der aktuelle Zustand häufig nicht akzeptabel ist. Neben der Ratlosigkeit, wie man die Kinder und Jugendlichen am besten integriert, stand aber auch der Wille, bei dem Thema eine positive Veränderung herbeizuführen und sich mit anderen Akteuren in diesem Bereich zu vernetzen. Der Fachtag bot dazu Gelegenheit, aber diese Vernetzung und der Austausch, um voneinander lernen zu können, sollte fortgeführt werden, damit die beginnende positive Entwicklung und die zahlreichen guten Impulse nicht im Sande verlaufen.