Ein Bild regt mehr als tausend Worte an

Ein Bild regt mehr als tausend Worte an

Im Texttreff wird in diesem Jahr wieder geblogwichtelt. Das heißt, Textinen schenken sich gegenseitig Blogbeiträge. Ich freue mich, in diesem Jahr Maike Frie als Gast hier zu haben. Unter dem Namen skriving bietet sie alles rund um Text und Lektorat an. Sie betreut Autoren von der ersten Schreibwerkstatt bis zur PR-Beratung. Das alles ist gewürzt mit einer kräftigen Prise Norwegisch.

Hier ist Maikes Beitrag.

Ein Bild regt mehr als tausend Worte an

Anregungen zum Kreativen Schreiben gibt es wie Sand am Meer. Ein Klassiker ist, sich durch (Wort-)Bilder inspirieren zu lassen. Welche Geschichte steckt dahinter, was geschah vorher, was wird nachher rund um das Motiv geschehen?
In ganze Bildwelten abzutauchen, ist eine Übung, die ich gerne in Schreibgruppen verwende. Einmal, weil ich Bücher – insbesondere schön illustrierte – liebe, und weil sich solche Bilder-Bücher hervorragend in unterschiedlichsten Gruppen (nicht nur für Kinder, auch für Erwachsene sowie für Einsteiger und Erfahrene) einsetzen lassen.
Ein kleiner Überblick über ein paar meiner Lieblingsbücher mit den Schreib-Ideen, die sich daraus entwickeln lassen:

Foto: Maike Frie

Foto: Maike Frie

Gefühle herausfischen
Woran erkennt man die Gefühle eines anderen? An Gesten, am Tonfall und ganz besonders an der Mimik. Als Autor ist es wichtig, sich in Gefühlsbeschreibungen zu üben, damit man keine Behauptungen („sie war wütend“) aufstellt, sondern an Aussehen und Benehmen seiner Figuren verdeutlicht, was sich Leser dann selbst erschließen können.
Solche Beschreibungen übe ich mit Fisch-Bildern. Mit Fischen? Richtig, Mies van Hout hat eine Reihe von bunten Fischen auf schwarzem Grund gemalt, denen man ihre Gefühle deutlich ansieht. Der zornige Fisch kneift seine Augen noch stärker zusammen als der böse Fisch, der neugierige Fisch hat sie weit geöffnet, aber nicht so aufgerissen wie der ängstliche Fisch … Der zufriedene Fisch macht beinahe einen Kussmund, der verliebte hat die Mundwinkel verträumt nach oben gezogen und dem erschrockenen Fisch fallen beinahe alle Zähne aus dem Maul … Natürlich sind diese Bilder nicht realistisch, sondern vermenschlicht, aber sie verdeutlichen gut, worauf es beim Beschreiben ankommt: auf die Details achten.
Als Buch im aracari-verlag kostet „Heute bin ich“ 13,90 Euro, als Kunstkarten-Set 18 Euro. Ich nutze die Bilder aus dem Buch laminiert, weil sie so schön groß und stabil sind, sich gut herumreichen und mit mehreren Leuten gleichzeitig betrachten lassen. Dann sprechen und schreiben wir darüber, wie sich ein Fisch gerade fühlt, warum das wohl so ist und entwickeln Szenen dazu, was passiert, wenn sich zwei Fische mit ihrer jeweiligen Stimmung begegnen.
Und später üben wir, an solchen Menschen Details die Gefühle unserer Protagonisten zu verdeutlichen …

Foto: Maike Frie

Foto: Maike Frie

Das Land der Wörterfabrik
In diesem Land können nur Wohlhabende kommunizieren, weil sich jeder die Wörter und Sätze aus der Wörterfabrik kaufen muss. In rot-schwarz gehaltenen Bildern vermitteln Agnès de Lestrade und Valeria Docampo die Stimmung des kleinen Paul, der gerne Maries Herz erobern möchte, sich aber nur abgelegte Worte aus dem Mülleimer leisten kann. Wie soll er so gegen den reichen Oskar bestehen? Doch die Geschichte geht gut aus – Marie verlässt sich auf ihr Herz.
Für Kindergruppen eignen sich zu diesem Buch klassische Weitererzähl-Fragen wie „Was geschieht nun mit Marie und Paul?“, aber auch Nachdenk-Anregungen wie „Wie stellst du dir dein Leben im Land der Wörterfabrik vor?“.
„Die große Wörterfabrik“ aus dem mixtvision Verlag gibt es in den unterschiedlichsten Ausführungen (auch als App).


Klassische Wie-geht’s-weiter-Geschichtenanfänge

Andreas Röckeners Buch heißt auch „Wie geht’s weiter? Bilder & Geschichten zum Weiterspinnen“. In diesem Buch aus dem Moritz Verlag (rund 14 Euro) stehen neben jedem Bild eine Überschrift und ein paar Sätze mit Auslassungszeichen. Gerade Kinder werden so dazu angeregt, sich in die Bildwelten hineinzuversetzen.
Für erwachsene Teilnehmer nutze ich die Bilder eher ohne vorgegebenen Textanfang. Allerdings muss die Gruppe diese Art von Illustrationen und Geschichten mögen, denn es sind Fantasiemotive: Fliegende Fische und laufende Kerzen, Hexen und andere Fantasiewesen.

Fantasiegut
Strandgut ist immer gut dafür, die Fantasie anzuregen. Wo kommt das her, was ich gefunden habe? Wo und bei wem war es vorher? In David Wiesners textlosem Buch „Strandgut“ aus dem Aladin Verlag (rund 17 Euro) findet ein Junge eine Kamera am Strand. Er lässt den Film darin entwickeln und entdeckt auf den Bildern sowohl verrückte Unterwasserwelten als auch Kinder, die sich selbst mit der Kamera fotografiert haben. Als er sich selbst ebenfalls am Meer fotografiert, entreißt ihm eine Welle die Kamera und spült diese durchs Meer zum nächsten Kind …
Die großformatigen Illustrationen der Kinder sprechen eher Erwachsene an, zumal Kinder heutzutage Probleme damit haben, sich eine Kamera mit Film darin vorzustellen, der erst entwickelt werden muss. Manchmal nutze ich für jüngere Schreibwerkstättler nur die Bilder der Unterwasserwelten – denn Kraken und abgestürzte Raumschiffe decken sich meist mit ihrer eigenen Fantasie.

Alle Blogwichtelbeiträge findet ihr hier.

 

Analyse unserer Migrationsgesellschaft

Analyse unserer Migrationsgesellschaft

„Der rote Faden, der alle Beiträge verbindet, ist, das die Neu­orientier­ung der Bildung einen Para­digmen­wechsel erfordert: die Anerkennung der Tatsache, dass sprach­lich­-kulturelle Hetero­genität ein zentrales Normalitäts­merkmal moderner Gesell­schaften ist und jede Veränderung im Bildungs­bereich dies als Voraus­setzung wie als Ziel anerkennen muss“.

(Einleitung, S. 13)


İnci Dirim, Ingrid Gogolin, Dagmar Knorr, Marianne Krüger-Potratz, Drorit Lengyel, Hans H. Reich, Wolfram Weiße (Hrsg.)

Impulse für die Migrationsgesellschaft. Bildung, Politik und Religion

2015, Bildung in Umbruchsgesellschaften, Band 12, 342 Seiten, broschiert, 34,90 €, ISBN 978-3-8309-3224-6

Die „Impulse für die Migrationsgesellschaft“ kommen gerade zur rechten Zeit. Die Frage, wie sich unsere Gesellschaft durch die Zuwanderung verändern wird, beschäftigt im Moment sehr viele Menschen. Dieses Buch enthält 25 kurze Beiträge zu unterschiedlichsten Themen, die diese Frage berühren.

Schon seit vielen Jahren beschäftigen sich Wissenschaftler mit Problemstellungen, die sich aus Migration und einer vielfältigen Gesellschaft ergeben. Hier werden diese Forschungen in einem Buch zusammengefasst. Es liest sich wie das Who-is-Who der interkulturellen Bildung in Deutschland. „Impulse für die Migrationsgesellschaft“ ist Ursula Neumann gewidmet, die in diesem Themenbereich eine zentrale Position innehat und viele Forscher_innen beeinflusste.

Das Buch ist in vier Teile gegliedert. Im ersten Teil geht es um Grund­begriffe. Unter anderem wird hier der Diskurs um Begriffe „Flüchtlinge“ und „Ausländer“ analysiert. Es geht um entwicklungs­politische Bildungs­arbeit und das Konzept der „Bildungs­sprache“. Im zweiten Teil wird der Bereich der Politik und der Institutionen unter die Lupe genommen. Es werden verschiedene Projekte aus dem Bereich Integration vorgestellt und analysiert. Im dritten Teil wird das Zusammen­treffen der Religionen thematisiert. Es geht hier um die Selbst­organisation islamischer Religions­gemeinschaften, um Erziehung in muslimischen Familien und zum Zusammen­spiel von Religion und Vielfalt. Im vierten Teil geht es schließlich um den Bildungs­bereich. Hier werden die Themen Chancen­gerechtigkeit, Lehrer­bildung und Mehr­sprachig­keit angesprochen.

Es ist unmöglich hier auf jeden Beitrag einzugehen. Ich möchte aber gern auf den Beitrag von Heike Niedrig hinweisen, der die Bedeutung des Buches für die aktuell stattfindenden Debatten deutlich macht. Sie schreibt in „Ausländer und Flüchtlinge. Eine postkoloniale Diskursanalyse“:

„Der Flüchtling ist nicht einfach da, sondern wird diskursiv hergestellt, sowohl im juristischen und politischen als auch im öffentlich-medialen und Alltagsdiskurs.“ (S. 31)

Sie beschreibt für den Begriff „Flüchtling“ eine Täter-Opfer-Dichotomie sowie eine Täter-Opfer-Retter-Triade — Konzepte, mit denen sich Journalist_innen, die über die sogenannte „Flüchtlingskrise“ berichten, auseinandersetzen sollten.

Fazit: Die kurz gehaltenen Beiträge bieten einen sehr guten Zugang zu komplexen Themen. Wer sich mit Vielfalt in unserer Gesellschaft auseinandersetzt, sollte dieses Buch lesen. Es liefert sehr wertvolle Impulse.


Mit Bilderbüchern Sprach- und Lesekompetenz fördern

Mit Bilderbüchern Sprach- und Lesekompetenz fördern

„Kinder müssen natürlich nicht immer etwas lernen, wenn sie ein Bilderbuch anschauen. Wenn es aber passiert, ohne dass sie es merken und ohne dass der pädagogische Zeigefinger zum Vorschein kommt, ist das doch eine „Win-win-Situation“ für alle.“

Timm Albers, S.16


Timm Albers

Das Bilderbuch-Buch. Sprache, Kreativität und Emotionen in der Kita fördern

136 Seiten

ISBN: 978-3-407-62904-3

Erschienen: 08.01.2015

Leseförderung beginnt bereits mit dem ersten Stoffbilderbuch. Klingt verrückt? Das „Bilderbuch-Buch“ vom Timm Albers, erschienen im Beltz Verlag, erklärt wie das geht. Albers überzeugt auf 136 Seiten davon, dass Kinder von Anfang an Büchern in Kontakt kommen müssen. Sie dürfen mit ihnen spielen. Sie müssen vorgelesen werden und Kinder müssen darüber sprechen können.  Bücher sind ein Sprachrohr für Kinder, die ihre Gefühle noch nicht so gut äußern können.

Albers betont die große Bedeutung der Literacy-Erziehung im Alter von null bis sechs Jahren. Die Heranführung an Sprache, Schrift und Medien beginnt schon vor dem Schuleintritt. Bereits erste Bilderbücher fördern die Begeisterung für Geschichten, Vorlesen, später selbst Geschichten erfinden und selbst lesen. Das Buch erläutert gut verständlich, wie Bilderbücher in verschiedenen Altersgruppen eingesetzt werden können. Es gibt praktische Tipps wie man Bücher von Anfang an ins Leben mit Kindern integrieren kann. Es werden zahlreiche bereits bekannte und auch neuere Bücher vorgestellt und für deren Einbindung in Themenbereiche des Kita-Alltags Beispiele gegeben.

Besonderen Wert legt das Buch auf Mehrsprachigkeit. Immer wieder werden Beispiele genannt, wie Sprachentwicklung gefördert und Mehrsprachigkeit und Vielfalt unterstützt werden kann. Albers weist immer wieder darauf hin, wie mit Bilderbüchern Interaktion und Sprachförderung initiiert werden kann. Wie funktioniert dialogisches Bilderbuchlesen? Welche Sprachlehrstrategien kann ich anwenden? Wie bringe ich die Kinder dazu, selbst Geschichten zu erfinden? Antworten auf diese Fragen finden Erzieher und Erzieherinnen in diese Buch.

Ein ganzes Kapitel wird der Einbindung von Eltern in den Lernprozess gewidmet. Auch hier überzeugt das Buch mit Vorschlägen zu konkreten Maßnahmen der Elternbeteiligung und Elternbildung. Im letzten Kapitel wird an konkreten Beispielen dargestellt, wie Bilderbücher für die Analyse und Förderung von sprachlichen Kompetenzen eingesetzt werden.  Farblich abgesetzte Infokästen und Beispiele erleichtern das Arbeiten mit dem Buch.

Fazit: Leseempfehlung für alle, die im Bereich der Lese- und Sprachförderung arbeiten.