Habe ich tatsächlich nichts zu verbergen? Ich möchte zum Beispiel nicht, dass mein Onlineverhalten, jeder Klick, jede Suche, jedes Bild, das mir gefällt, überwacht und gespeichert wird. Und nicht nur das, jede meiner Bewegungen wird durch mein Smartphone registriert. Irgendjemand kann irgendwo nachvollziehen, wann ich für wie lange an einem bestimmten Ort bin. Ich weiß nicht, wer wo und wie Zugriff hat auf die Daten, die mein Leben darstellen. Manchmal fühle ich mich dem hilflos ausgeliefert. Offline gehen ist keine Option. Ich liebe das Internet und seine Möglichkeiten. Ich brauche es, um mit Menschen auf der ganzen Welt in Kontakt zu bleiben. Manchmal möchte ich das alles ignorieren und denken, dass ich gegen die übermächtigen Geheimdienste und Konzerne sowieso nichts machen kann. Aber einfach den Kopf in den Sand stecken ist nicht meine Art.

Natürlich kann man denken: „Die wissen doch sowieso alles. Warum sollte ich mir die Mühe machen, mich mit komplizierten Prozessen der Verschlüsselung oder anonymen Browsern auseinanderzusetzen, wenn ich die Überwachung doch nicht verhindern kann? Außerdem: Ich habe ja nichts zu verbergen!“ Es geht hier aber nicht darum, ob der Einzelne etwas zu verbergen hat. Denn wir alle stehen unter Verdacht. Wir werden alle anlasslos überwacht. In so einer Gesellschaft möchte ich nicht leben! Weitere Gründe warum das Nichts-zu-verbergen-Argument nicht zählt, findet man hier

Die Freiheit aller steht auf dem Spiel

Für mich geht es bei der Frage, der Onlinesicherheit nicht darum, ob der Einzelne sich schützen muss, sondern darum, dass sich die Gesellschaft als ganzes schützen muss. Es stehen nicht nur die Daten des Einzelnen zur Debatte, sondern letztendlich die Freiheit aller. In einer PEN-Studie gab ein Großteil der befragten Medienschaffenden an, ihr Onlineverhalten nach dem Bekanntwerden der Überwachungsaktivitäten durch Geheimdienste geändert zu haben. Journalisten unterwerfen sich auch in westlichen Demokratien der Selbstzensur! Meinungsfreiheit und Gedankenfreiheit stehen auf dem Spiel, ganz zu schweigen von unserem Recht auf Privatsphäre.

Es ist wie beim Impfen: Wenn alle sich impfen lassen, verdrängen wir ansteckende Krankheiten. Aber nur, wenn viele mitmachen, kann es eine Wirkung entfalten. Jeder einzelne kann – auch wenn er „nichts zu verbergen hat“ – den Geheimdiensten die Arbeit vermiesen und damit unsere Freiheit schützen. Es stimmt, das ist anstrengend (ein klein wenig jedenfalls), aber unsere Freiheit sollte es uns wert sein, dass wir uns mal ein paar Stunden mit dem Schutz unserer Privatsphäre auseinandersetzen. Unsere Regierung kümmert sich offensichtlich nicht um unser Recht auf Privatsphäre. Dann nehmen wir das eben selbst in die Hand. Selbst ist die Frau mündige Bürgerin!

In kleinen Schritten vorwärts

Ich setze mich seit der letzten Re:publica intensiver mit dem Thema auseinander. Damals sprach ich mit einem Mitarbeiter des Tactical Tech Collective. Er zeigte mir, wie ich den Anfang in Sachen Onlinesicherheit machen kann. Ich bin keine Expertin in Sachen Onlinesicherheit und bin in vielerlei Hinsicht immer noch viel zu nachlässig. Aber ich arbeite mich in kleinen Schritten vorwärts. Zuerst habe ich Keepass installiert, damit ich sichere Passwörter (und nicht überall das gleiche *hust*) verwende. Dann kam Super AntiSpyware und andere kleine Tools dazu. Einige Sachen habe ich probiert und wieder gelöscht, weil ich sie nervend oder umständlich fand.

Schließlich wagte ich mich an die Verschlüsselung. Zugegeben, das ist nicht so einfach, wie es von manchen behauptet wird, aber es ist auch kein Hexenwerk und Hilfe gibt es an vielen Stellen. Ich habe dazu diese Anleitung genutzt. Nach ein wenig Hilfe von einer Kollegin hat es dann letztendlich geklappt. Das Hasso-Plattner-Institut bietet ab Montag 9. 2. 2015 einen kostenlosen Onlinekurs zum Thema „Sichere E-Mail“ an. Wer sich also schon immer mal mit dem Thema beschäftigen wollte, aber vor dem technischen Aufwand zurückschreckte, dem sei dieser Kurs empfohlen. Natürlich gibt es auch in vielen Orten Cryptoparties, bei denen man Hilfe erhalten kann. Oder man schaut mal bei seiner Volkshochschule ins Programm. Oft gibt es auch dort Angebote zum Thema Onlinesicherheit.

Inzwischen läuft auf meinem Rechner auch der Tor-Browser. Ich möchte noch auf zwei Plattformen hinweisen, die mir sehr helfen, mich kontinuierlich mit dem Thema auseinanderzusetzen:

Bei Me and my shadow (Ein Projekt des Tactical Tech Collectives) kann man nachvollziehen, wie groß unser digitaler Schatten ist. Dazu werden Instrumente und Anleitungen geliefert, wie wir diesen digitalen Schatten verkleinern können.

Die Seite Surveillance Self-Defense ( Ein Projekt der Electronic Frontier Foundation) bietet zahlreiche Anleitungen zur Verbesserung der Onlinesicherheit. Zum Beispiel bietet es ein „Starter Pack“ für Anfänger und viele weitere Tutorials.

Ich liebe das Internet und möchte seine Möglichkeiten nicht missen. Ich möchte mich aber nicht kontinuierlich als Verdächtige fühlen, wenn ich mir bewusst bin, dass die Überwachungsmaschinerie auch gegen mich läuft.

Ich habe nichts zu verbergen, aber meine Freiheit zu verlieren. Deshalb ergreife ich die Möglichkeiten, die mir als Einzelne zur Verfügung stehen, um mich gegen die Totalüberwachung zu wehren. Dass darüber hinaus politische Schritte notwendig sind, ist selbstverständlich. Aber jeder Einzelne hat die Möglichkeit, etwas zu tun. Auch das Verhindern von Totalüberwachung ist für mich bürgerschaftliches Engagement und dazu kann jeder Einzelne beitragen.