Ein Bild regt mehr als tausend Worte an

Ein Bild regt mehr als tausend Worte an

Im Texttreff wird in diesem Jahr wieder geblogwichtelt. Das heißt, Textinen schenken sich gegenseitig Blogbeiträge. Ich freue mich, in diesem Jahr Maike Frie als Gast hier zu haben. Unter dem Namen skriving bietet sie alles rund um Text und Lektorat an. Sie betreut Autoren von der ersten Schreibwerkstatt bis zur PR-Beratung. Das alles ist gewürzt mit einer kräftigen Prise Norwegisch.

Hier ist Maikes Beitrag.

Ein Bild regt mehr als tausend Worte an

Anregungen zum Kreativen Schreiben gibt es wie Sand am Meer. Ein Klassiker ist, sich durch (Wort-)Bilder inspirieren zu lassen. Welche Geschichte steckt dahinter, was geschah vorher, was wird nachher rund um das Motiv geschehen?
In ganze Bildwelten abzutauchen, ist eine Übung, die ich gerne in Schreibgruppen verwende. Einmal, weil ich Bücher – insbesondere schön illustrierte – liebe, und weil sich solche Bilder-Bücher hervorragend in unterschiedlichsten Gruppen (nicht nur für Kinder, auch für Erwachsene sowie für Einsteiger und Erfahrene) einsetzen lassen.
Ein kleiner Überblick über ein paar meiner Lieblingsbücher mit den Schreib-Ideen, die sich daraus entwickeln lassen:

Foto: Maike Frie

Foto: Maike Frie

Gefühle herausfischen
Woran erkennt man die Gefühle eines anderen? An Gesten, am Tonfall und ganz besonders an der Mimik. Als Autor ist es wichtig, sich in Gefühlsbeschreibungen zu üben, damit man keine Behauptungen („sie war wütend“) aufstellt, sondern an Aussehen und Benehmen seiner Figuren verdeutlicht, was sich Leser dann selbst erschließen können.
Solche Beschreibungen übe ich mit Fisch-Bildern. Mit Fischen? Richtig, Mies van Hout hat eine Reihe von bunten Fischen auf schwarzem Grund gemalt, denen man ihre Gefühle deutlich ansieht. Der zornige Fisch kneift seine Augen noch stärker zusammen als der böse Fisch, der neugierige Fisch hat sie weit geöffnet, aber nicht so aufgerissen wie der ängstliche Fisch … Der zufriedene Fisch macht beinahe einen Kussmund, der verliebte hat die Mundwinkel verträumt nach oben gezogen und dem erschrockenen Fisch fallen beinahe alle Zähne aus dem Maul … Natürlich sind diese Bilder nicht realistisch, sondern vermenschlicht, aber sie verdeutlichen gut, worauf es beim Beschreiben ankommt: auf die Details achten.
Als Buch im aracari-verlag kostet „Heute bin ich“ 13,90 Euro, als Kunstkarten-Set 18 Euro. Ich nutze die Bilder aus dem Buch laminiert, weil sie so schön groß und stabil sind, sich gut herumreichen und mit mehreren Leuten gleichzeitig betrachten lassen. Dann sprechen und schreiben wir darüber, wie sich ein Fisch gerade fühlt, warum das wohl so ist und entwickeln Szenen dazu, was passiert, wenn sich zwei Fische mit ihrer jeweiligen Stimmung begegnen.
Und später üben wir, an solchen Menschen Details die Gefühle unserer Protagonisten zu verdeutlichen …

Foto: Maike Frie

Foto: Maike Frie

Das Land der Wörterfabrik
In diesem Land können nur Wohlhabende kommunizieren, weil sich jeder die Wörter und Sätze aus der Wörterfabrik kaufen muss. In rot-schwarz gehaltenen Bildern vermitteln Agnès de Lestrade und Valeria Docampo die Stimmung des kleinen Paul, der gerne Maries Herz erobern möchte, sich aber nur abgelegte Worte aus dem Mülleimer leisten kann. Wie soll er so gegen den reichen Oskar bestehen? Doch die Geschichte geht gut aus – Marie verlässt sich auf ihr Herz.
Für Kindergruppen eignen sich zu diesem Buch klassische Weitererzähl-Fragen wie „Was geschieht nun mit Marie und Paul?“, aber auch Nachdenk-Anregungen wie „Wie stellst du dir dein Leben im Land der Wörterfabrik vor?“.
„Die große Wörterfabrik“ aus dem mixtvision Verlag gibt es in den unterschiedlichsten Ausführungen (auch als App).


Klassische Wie-geht’s-weiter-Geschichtenanfänge

Andreas Röckeners Buch heißt auch „Wie geht’s weiter? Bilder & Geschichten zum Weiterspinnen“. In diesem Buch aus dem Moritz Verlag (rund 14 Euro) stehen neben jedem Bild eine Überschrift und ein paar Sätze mit Auslassungszeichen. Gerade Kinder werden so dazu angeregt, sich in die Bildwelten hineinzuversetzen.
Für erwachsene Teilnehmer nutze ich die Bilder eher ohne vorgegebenen Textanfang. Allerdings muss die Gruppe diese Art von Illustrationen und Geschichten mögen, denn es sind Fantasiemotive: Fliegende Fische und laufende Kerzen, Hexen und andere Fantasiewesen.

Fantasiegut
Strandgut ist immer gut dafür, die Fantasie anzuregen. Wo kommt das her, was ich gefunden habe? Wo und bei wem war es vorher? In David Wiesners textlosem Buch „Strandgut“ aus dem Aladin Verlag (rund 17 Euro) findet ein Junge eine Kamera am Strand. Er lässt den Film darin entwickeln und entdeckt auf den Bildern sowohl verrückte Unterwasserwelten als auch Kinder, die sich selbst mit der Kamera fotografiert haben. Als er sich selbst ebenfalls am Meer fotografiert, entreißt ihm eine Welle die Kamera und spült diese durchs Meer zum nächsten Kind …
Die großformatigen Illustrationen der Kinder sprechen eher Erwachsene an, zumal Kinder heutzutage Probleme damit haben, sich eine Kamera mit Film darin vorzustellen, der erst entwickelt werden muss. Manchmal nutze ich für jüngere Schreibwerkstättler nur die Bilder der Unterwasserwelten – denn Kraken und abgestürzte Raumschiffe decken sich meist mit ihrer eigenen Fantasie.

Alle Blogwichtelbeiträge findet ihr hier.

 

Einmal Globales Lernen, bitte!

Einmal Globales Lernen, bitte!

Kanzlerin Merkel ließ gestern beim Internationalen Deutschlandforum verkünden, sie wolle ein Netzwerk für globales Lernen aufbauen. Auf der Website ist zu lesen: „Ziel des Internationalen Deutschlandforums ist es, im gemeinsamen Gespräch voneinander zu lernen und langfristig ein Netzwerk für globales Lernen aufzubauen.“

Peter Altmeier betonte, dass in diesem Netzwerk  ein Austausch über Grenzen der Disziplinen und Hierarchien hinweg  stattfinden soll.

Ich finde diese Initiative wirklich gut. Besser finde ich allerdings, dass ich ein solches Netzwerk schon habe. Ich bin ein Teil der internationalen screenshot GVGemeinschaft „Global Voices„. Dies ist eine Gemeinschaft von Bloggern und Übersetzern welche aus 167 Ländern berichten. Die Website wird in 30 Sprachen (auch Deutsch) übersetzt. Dort findet man Artikel, die in den traditionellen Mainstreammedien nicht verfügbar sind. Natürlich greifen Global-Voices-Autoren auch immer aktuelle Nachrichtenthemen auf, aber selbst dann erfahren wir hier neues. Denn die Geschichte wird nicht durch die Augen des deutschen Journalisten gesehen, sondern aus der Perspektive der Menschen vor Ort. Dies ermöglicht einen Perspektivwechsel, wie er auch vom Orientierungsrahmen für den Lernbereich Globale Entwicklung (PDF) gefordert wird.

Das Zusammenarbeiten in dieser Gemeinschaft bedeutet aber noch viel mehr. Man lernt Menschen aus anderen Ländern kennen — zunächst virtuell, später auch persönlich. Durch den Kontakt gewinnt man Eindrücke von dem Leben der anderen. Man wird sich der eigenen Vorurteile und Stereotypen bewusst, beginnt diese infrage zu stellen und lernt zu verstehen, dass die „Anderen“ gar nicht so anders sind. Mit anderen Global-Voices-Mitgliedern arbeitet man länderübergreifend, disziplinenüberschreitend und mehrsprachig an Projekten, recherchiert Artikel und tritt gemeinsam für Meinungsfreiheit auf der ganzen Welt ein. Global Voices wird fast ausschließlich von Ehrenamtlichen betrieben. Und es ist ein Produkt der Gemeinschaft. Ohne die tägliche Arbeit von hunderten Autoren und Übersetzern gäbe es Gobal Voices nicht.

Global Voices kann ein Netzwerk für Globales Lernen für alle sein, denn jeder kann sich einbringen. Studenten oder Schüler können unsere Texte als Übersetzungsübungen verwenden und diese dann veröffentlichen. Im Geografieunterricht kann bei Global Voices zu den Ländern recherchiert werden und hier können ganz neue Perspektiven eröffent werden.  Man kann Themen wie Menschenrechte, Umwelt, Meinungsfreiheit, Migration oder auch Kunst und Literatur in einer globalen Dimension erleben. Es gibt viele Möglichkeiten, globalvoicesonline.org als Quelle für Perspektivwechsel und Horizonterweiterung zu nutzen. Jeder, der sich bei Global Voices einbringt ist automatisch in einem Netzwerk für Globales Lernen involviert.

Ich fürchte ich muss Ihnen mitteilen, Frau Merkel, Sie sind zu spät dran. Wir leben diese Zukunft bereits! (Aber gut, dass Sie ein weiteres Netzwerk für Globales Lernen einrichten wollen. Davon kann es nie genug geben.)

 

 

Ankommen in Deutschland

Ankommen in Deutschland

© dkjs/Björn Bernat

© dkjs/Björn Bernat

Der Fachtag „Ankommen in Deutschland. Bildung und Teilhabe für geflüchtete Kinder und Jugendliche“ fand am 24.11.2014 in Leipzig statt. Er wurde von der Deutschen Kinder- und Jugenstiftung organisiert. Die Nachfrage zu dem Thema war sehr groß, denn die Warteliste war genauso lang, wie die tatsächliche Teilnehmerliste, auf der 120 Personen standen. Die Veranstaltung wurde von unterschiedlichsten Akteuren im Feld der Bildung, der Kinder- und Jugendarbeit sowie Behörden und Institutionen besucht. Eines verband sie jedoch: das Interesse einen besseren Umgang mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen zu verwirklichen.

Nach den üblichen Grußwörtern und einer Grundsatzrede am Vormittag ging es in die Workshops, in denen zahlreiche Projekte vorgestellt wurden, die Kindern und Jugendlichen dabei helfen, sich in Deutschland zurechtzufinden, ihr Trauma zu bewältigen oder wieder an Bildungsprozessen teilzuhaben. Es war in Vorträgen, Diskussionen und Gesprächen zu spüren, dass es eine Unsicherheit gibt, wie eine möglichst problemfreie Inklusion von geflüchteten Kindern und Jugendlichen in Schule oder Ausbildung gelingen kann.

Viele Ideen waren getragen von dem Gedanken, geflüchtete Kinder und Jugendliche und Einheimische zusammen­zubringen. Zwar wurde auch von sogenannten „Willkommensklassen“, in denen Geflüchtete separat in Deutsch unterrichtet werden, gesprochen, aber zum großen Teil wurde diese Segregation abgelehnt oder zumindest nicht als förderlich angesehen. Die Kinder und Jugendlichen sollen schnellstmöglich in reguläre Klassen integriert werden, so der Grundtenor. Auch in außerschulischen Projekten war diese Tatsache die Hauptfrage: Wir bringen wir geflüchtete Kinder und Jugendliche und Einheimische zusammen?

Gegen die pauschale Beschulung in Willkommensklassen sprach sich auch Andreas Meißner vom Bundesverband Unbegleiteter Minderjähriger Flüchtlinge e.V. aus, der betonte, die Kinder und Jugendlichen müssen individuell betrachtet werden. Sie haben sehr unterschiedliche Bildungsbiografien, die bei der weiterführenden Bildung in Deutschland berücksichtigt werden müssen.

Insgesamt ist es der Veranstaltung gelungen, verschiedene Herangehensweisen zu präsentieren, um die Situation der geflüchteten Kinder und Jugendlichen zu verbessern. Es wurde jedoch auch festgestellt, dass der aktuelle Zustand häufig nicht akzeptabel ist. Neben der Ratlosigkeit, wie man die Kinder und Jugendlichen am besten integriert, stand aber auch der Wille, bei dem Thema eine positive Veränderung herbeizuführen und sich mit anderen Akteuren in diesem Bereich zu vernetzen. Der Fachtag bot dazu Gelegenheit, aber diese Vernetzung und der Austausch, um voneinander lernen zu können, sollte fortgeführt werden, damit die beginnende positive Entwicklung und die zahlreichen guten Impulse nicht im Sande verlaufen.

 

 

Bildungsungleichheit durch Homogenisierung

Bildungsungleichheit durch Homogenisierung

BAD14In meinem Beitrag zum Thema „Inequality“ des diesjährigen Blog Action Day gehe ich der Frage nach, wie Bildungsungleichheit entsteht. Ungleichheit in der Bildung wird hier verstanden als nicht vorhandene Chancengleichheit aller Schüler und Schülerinnen.

Im deutschen Bildungssystem wird Ungleichheit vor allem dadurch verursacht, dass Schulen nicht in der Lage sind, mit der gesellschaftlichen Vielfalt umzugehen. Durch das Selektieren entlang bestimmter Differenzlinien, können individuelle Potenziale nicht berücksichtigt werden und es entstehen ungleiche Bildungschancen.

In Deutschland wird viel über die Chancengleichheit im Bildungssystem debattiert. Die soziale Herkunft bestimme über die Aufstiegschancen sagen die einen und führen gern einmal Bourdieu an und beginnen, das objektivierte Kulturkapital in Form von der Größe der Bücherwände im Elternhaushalt zu vergleichen. Die Durchlässigkeit wäre sehr gut sagen die anderen. Das fein zergliederte Bildungssystem mit seinen unzähligen Verzweigungen erlaube auch einen Aufstieg auf dem zweiten oder gar dritten Bildungsweg. Verschwendete Lebenszeit? Nein. Lebenslanges Lernen.

Im Moment steht also die soziale Herkunft im Mittelpunkt der Debatte um Ungleichheit im Bildungssystem. Diese Ungleichheit hat sich aber nicht nur um dieses eine Merkmal herum herausgebildet. Im Laufe der Geschichte gab es verschiedene Differenzlinien, die zu ungleichen Bildungschancen führten.

Verschiedene Differenzlinien

Mädchen waren sehr lange vom Unterricht ausgeschlossen. Bis ins 20. Jahrhundert hinein wurden die Jungen und Mädchen auf weiterführenden Schulen und Volksschulen im städtischen Raum getrennt unterrichtet. Auch die Fächerauswahl war geschlechtsspezifisch.
Anders die Entwicklung in Bezug auf das Lebensalter – hier wurde die Differenz innerhalb von Lerngruppen abgeschafft. Während auf dem Land die altersheterogene Klasse in den Volksschulen lange Zeit erhalten blieb, gilt heute das Prinzip der Altershomogenität. Allerdings wird dies mit Modellversuchen zur Gestaltung von altersgemischten Gruppen in Kitas ebenso wie flexiblen Schuleingangsphasen schon wieder infrage gestellt wird.
Die Staatsangehörigkeit als Kriterium zur Schulpflicht gab es schon in Preußen, dort wurde jedoch auch nach der Gründung des Deutschen Reiches die Schulpflicht auf Angehörige anderer Bundesstaaten ausgeweitet. Auch ausländische Kinder unterlagen der Schulpflicht, wenn es mit dem jeweiligen Land entsprechende Verträge gab. Ab 1938 wurde die Schulpflicht auf „deutsche“ Kinder beschränkt, somit konnten die Nationalsozialisten alle aussondern, die nicht ihren rassistischen Zielen entsprachen. Die Regelung, das die Schulpflicht nur auf „Kinder deutscher Staatsangehörigkeit“ angewendet wird, galt auch lange Zeit in der BRD. Obwohl es bereits 1952 eine Empfehlung der Kultusministerkonferenz gab, die Schulpflicht auf andere Gruppen auszudehnen, folgte Nordrhein-Westfalen als letztes Land erst 1966 mit entsprechenden Bestimmungen. Auch heute ist die Schulpflicht an einen gesicherten Aufenthaltsstatus gebunden. Asylbewerber unterliegen also weiterhin nicht der Schulpflicht, haben jedoch das Recht auf den Schulbesuch.
Während des Nationalsozialismus wurden Schüler nicht nur wegen fehlender Staatsangehörigkeit, sondern auch aufgrund rassistischer Ausgrenzung von Unterricht ausgeschlossen. Es wurden jüdische Schulen gegründet, die eine klare Unterscheidung in „Arier“ und „Nichtarier“ möglich machten. Ab 1939 galten viele Regelungen, die Kinder vom Schulbesuch ausschlossen, die als „fremdvölkisch“ und „nichteindeutschungsfähig“ angesehen wurden. Ein Gedanke, der sich offensichtlich sehr lange gehalten hat, auch wenn er nicht explizit so benannt wird. Heute heißt es „integrationsunwillig“.
Eine sozioökonomische Homogenität innerhalb der Schulen wurde Ende des 19. Jahrhunderts durch die Forderung eines Schulgeldes durchgesetzt. Einkommensschwache Eltern konnten sich lange Ausbildungszeiten ihrer Kinder schlichtweg nicht leisten. In Preußen wurde 1888 das Schulgeld für die Volksschulen abgeschafft, während die Gebühren für den Besuch der weiterführenden Schulen drastisch erhöht wurden. Dies wurde offen als Abwehr eines Ansturms auf die Gymnasien kommuniziert. Dieses sollte den Wohlhabenden vorbehalten bleiben. Obwohl heute die Schulen allen offenstehen, entstehen keine sozial heterogenen Klassen, da diese sich aus sozial homogenen Einzugsgebieten zusammensetzen. Die räumliche Segregation der Wohngebiete führt heute zur sozialen Homogenisierung in Klassenzimmern.
Anfang des 19. Jahrhunderts gab es in Preußen anderssprachige Schulen, in denen Französisch oder Polnisch gesprochen wurde. Die Dialekte galten als Kommunikationssprachen, während Hochdeutsch nur als Schriftsprache genutzt wurde. Erst ab Mitte des 20. Jahrhunderts wurde die deutsche Sprache als Ausschlusskriterium für Kinder von Gastarbeitern genutzt. Schulen mit anderen Unterrichtssprachen gibt es heute fast ausschließlich für autochthone Minderheiten, wie die Sorben. Ansonsten gilt Hochdeutsch als alleinige Unterrichtssprache. Die falsche Vorstellung von sprachlicher Homogenität wird somit aufrecht erhalten.
Im heutigen Schulsystem werden Lerngruppen außerdem aufgrund von Behinderung und Nicht-Behinderung gebildet. Lernbehinderte Kinder werden in Sonderschulen sortiert und behinderte Kinder können vermeintlich nicht mit nicht-behinderten Kindern gemeinsam lernen.
Die Differenzierung nach Begabung gab es schon früher, aber niemals wurde sie so stark in den Vordergrund gestellt, wie heute. Dabei ist das Argument der Begabung zumeist vorgeschoben. Schülern werden aufgrund von anderen Differenzen (etwa Staatsangehörigkeit, Behinderung, Sprache) von vornherein geringere Leistungsansprüche entgegengebracht, die dann natürlich auch erfüllt werden. Niedrige Leistungsansprüche an diese Kinder berauben sie der Möglichkeit, ihr Potenzial zu entfalten – niedrige Erwartungen führen zu niedriger Leistung.

Homogenisierung führt zu Bildungsungerechtigkeit

Einige der genannten Differenzlinien spielen heute keine Rolle mehr. Andere führen zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu einer Homogenisierung, die es nicht mehr erlaubt, die gesellschaftliche Vielfalt im Klassenzimmer kennenzulernen. Aufgrund der Differenzen Behinderung/Nicht-Behinderung, Lebensalter, Sozialstatus, Sprache, sowie „Begabung“ findet eine Selektierung und damit eine Homogenisierung von Lerngruppen statt.

Ungleichheit entsteht also im Laufe der Zeit vor dem Hintergrund verschiedener gesellschaftlicher Entwicklungen aufgrund unterschiedlicher Differenzen. All diese Differenzen sollten in einem gerechten Bildungssystem keine Rolle spielen. Denn in einem solchen würde jeder Schüler und jede Schülerin die individuelle Aufmerksamkeit bekommen, die er oder sie benötigt. Eine individuelle Förderung ist für die Überwindung der Ungleichheit im Bildungssystem grundlegend. Lernende sind ganz unterschiedlich verschieden*. Die Vielfalt der Gesellschaft muss in Klassenzimmern abgebildet sein und Schulen müssen in die Lage versetzt werden, mit den unterschiedlichen Persönlichkeiten und Begabungen der Schüler innerhalb einer Lerngruppe angemessen umgehen zu können. Bisher ist dies nicht der Fall und so werden die Differenzlinien weiterhin für Ungleichheit im Bildungssystem sorgen.

Es ist ein Paradox: Aufgrund der Selektion auf Basis der Differenzen wird innerhalb der Klassen eine „Gleichartigkeit“ erreicht. Dadurch kommt es wiederum zu Bildungsungerechtigkeit. Weil nicht die individuellen Stärken und Schwächen der Kinder betrachtet werden, sondern die Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen.

 

*Dieser Ausdruck stammt von dem Buch „Unterschiedlich verschieden. Differenzen in der Erziehungswissenschaft.“ Ich benutze ihn gern, weil er diesen Zustand der Individualität so treffend beschreibt.

 

 

Humane Bildungspraxis vs. Employability

Humane Bildungspraxis vs. Employability

Philosophie_einer_humanen_Bildung_01Der Bildungsdiskurs ist von Ökonomisierungsbestrebungen und Rankings getrieben. Julian Nida-Rümelin versucht mit der „Philosophie einer humanen Bildung“, erschienen in der edition Körber-Stiftung, der Bildung eine kulturelle Leitidee zurückzugeben. Er kritisiert, dass das Bildungssystem die physische, soziale, ethische und ästhetische Seite der Persönlichkeits­entwicklung nicht berücksichtigt. Es betont abfragbares Wissen und vernachlässigt Urteilskraft, kreatives Denken und Wissenstransfer.

Philosophische Grundlagen

Nida-Rümelin erklärt die Grundlagen humaner Bildung anhand von Anthropologie, Humanismus und Rationalität, Freiheit, Verantwortung. Ausgehend von der Frage, was wir als menschlich ansehen, werden im zweiten Kapitel die zentralen Elemente humanistischer Philosophie vorgestellt. Wie sich diese humanistischen Ideen in der Praxis auswirken, zeigt Kapitel drei anhand von Rationalität, Freiheit und Verantwortung.

Im zweiten Teil beschäftigt sich der Autor mit dem Bildungsziel der humanen Vernunft und schreibt (S. 108):

Man muss kein Ethiker sein, um die richtigen Entscheidungen treffen zu können. Aber es gibt charakterliche Voraussetzungen vernünftiger Praxis und diese sind zentrales Bildungsziel.“ (S. 108)

In zwei weiteren Kapiteln in diesem Teil erläutert er die Rolle der Verständigung und geht der Frage nach, welches Wissen man für die Persönlichkeitsbildung erwerben sollte.

Humane Bildungspraxis

Im dritten Teil des Buches erläutert Nida-Rümelin die drei Prinzipien einer humanen Bildungspraxis. Diese sind das Prinzip der Einheit der Person, das Prinzip der Einheit des Wissens, das Prinzip der Einheit der Gesellschaft.

Eine humane Bildungspraxis stiftet Einheit, sie separiert und selektiert nicht.“ (Seite 222)

Im Kapitel zum Prinzip der Einheit der Person geht Nida-Rümelin besonders auf die Herausbildung der Kreativität ein. Sport und die Bildung kreativer Kräfte sollten seiner Meinung nach im Schulalltag einen größeren Platz einnehmen. Auch die Herausbildung einer sozialen Kompetenz, die zur Fähigkeit zur Empathie führt, sollte im Bildungssystem eine Rolle spielen.

Unter der Überschrift „Einheit des Wissens“ beschreibt Nida-Rümelin, welche Kenntnisse staatliche Schulen vermitteln sollten. Er vertritt die Auffassung, dass es nicht die Aufgabe staatlicher Schulen ist, spezielle Fertigkeiten oder Kenntnisse zu vermitteln, die für eine bestimmte Tätigkeit benötigt werden. Sie sollten vielmehr dem allgemeinbildenden Wissenserwerb dienen und damit der Persönlichkeitsbildung. Eine drastische Stoffreduktion nach dem Kriterium, welches Wissen für die Persönlichkeitsbildung relevant ist, hält der Philosoph für notwendig. Laut Nida-Rümelin wird zu viel Wissen vermittelt, welches für spezielle Tätigkeiten benötigt wird. Außerdem scheinen wesentliche Bildungsinhalte zu fehlen. Er nennt hier als Beispiel das in der Lebenspraxis moderner Gesellschaften notwendige Verständnis für Rechtsnormen. Er bemängelt, dass ein vertieftes Verständnis der Rechtsordnung oder der Rechtspraxis kein zentraler Wissensstoff an allgemeinbildenden Schulen ist. Das gleiche gilt für Ökonomie, Psychologie oder Medizin. Das wissenschaftliche Denken sollte laut Nida-Rümelin eine größere Rolle spielen und zentraler Bildungsinhalt an allen staatlichen Schulen sein.

Humane Bildung für gesemtgesellschaftliche Integration

Die Rolle welche die Bildungspraxis für die Gestaltung der Gesellschaft als Ganzes spielt darf weder unter- noch überschätzt werden. Eine humane Bildungspraxis geht von der Gleichwertigkeit aller Menschen aus. Dabei nimmt sie auf die Vielfalt von individuellen Lebensformen, Interessen, Begabungen und kulturellen Prägungen Rücksicht. Diese Rücksichtnahme darf aber nicht zum Vorwand für Selektion und Separation werden. Bildung hat für Nida-Rümelin eine große integrative Kraft.

Die Philosophie humaner Bildung verlangt nach gleichem Respekt und gleicher Anerkennung unterschiedlicher Biographien, Kompetenzen, Interessen und Fähigkeiten.“ (S. 210)

Nida-Rümelin beschreibt aber auch die Spannung zwischen dem Ideal humaner Bildung und der modernen Gesellschaft, die sozial und kulturell zerklüftet ist und betont:

Die Bildungspraxis muss sich um an dieser Spannung von Ideal und Realität nicht zu zerbrechen, als Korrektiv, als Beitrag zur Humanisierung und nicht als Lösungsinstanz aller gesamtgesellschaftlichen Probleme verstehen. „(Seite 244)

 

Fazit:
Julian Nida-Rümelin geht es nicht um die Struktur des Bildungssystems oder um Handlungsempfehlungen. „Philosophie der humanen Bildung“ ist kein Leitfaden zu einem besseren Bildungssystem. Vielmehr liefert Nida Rümelin die philosophischen Leitideen einer humanen Bildung, von denen viele seit Langem bekannt sind. Der Autor versteht es, die Bedeutung dieser Ideen für den heutigen Bildungsdiskurs zu verdeutlichen.

 

Julian Nida-Rümelin
Philosophie einer humanen Bildung
Edition Körber-Stiftung
248 Seiten
ISBN: 978-3-89684-096-7

 

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