Ein Hauswirtschaftsbuch wird Schulbuch des Jahres

Ein Hauswirtschaftsbuch wird Schulbuch des Jahres

Plan L

Kann ein Hauswirtschaftsbuch „Schulbuch des Jahres“ in der Kategorie „Geschichte/Gesellschaft“ werden? Klar kann es, denn dieses Buch ist richtig gut!

Das Georg Eckert Institut hat in diesem Jahr wieder das „Schulbuch des Jahres“ verliehen. Ich hatte bereits auf der Leipziger Buchmesse Gelegenheit das Buch kurz anzusehen. Jetzt habe ich es noch einmal genauer unter die Lupe genommen.

„Plan L – Leben bewusst gestalten“ aus dem Schöningh Verlag ist ein Lehrbuch für den Hauswirtschaftsunterricht der Sekundarstufe 1. Es geht in dem Buch um Ernährung, Gesundheit und Verbraucherbildung. Auf der ersten Doppelseite jedes Kapitels werden die Schülerinnen in ihrer Lebenswelt abgeholt. Durch Grafiken, Bilder, Zitate und Fragen wird Vorwissen aktiviert und eine erste Auseinandersetzung mit dem Thema initiiert. Es lässt Themen der Nachhaltigkeit, der Gleichberechtigung und der gesellschaftlichen Vielfalt in die Themen des Faches Hauswirtschaft einfließen, ohne dass es bemüht aussieht. In jedem Kapitel sind „Du-kannst-Aufgaben“ zu finden, die es  Lehrern ermöglicht, Aufgaben differenzierend einzusetzen. Verweise in den Kapiteln führen zu einem Glossar, in dem Fachbegriffe erklärt werden, sowie zu den Methoden-Trainingsplätzen, die am Ende jedes Kapitels zu finden sind.

„Plan L“ spricht wichtige Fragen unserer Zeit an und zeigt Lösungen, die jeder im Alltag berücksichtigen kann. Beim Thema Ernährung geht es eben nicht nur darum, welche Lebensmittel wie viele Kalorien enthalten, wie sie verarbeitet und kombiniert werden können. Es geht um die gesellschaftliche Bedeutung des Essens. Es werden Dinge, wie Familienmahlzeiten, Esskulturen, Essen als Ausdrucksmittel angesprochen. Und so wird in diesem Buch jedes Thema in einen gesellschaftlichen Kontext eingebettet.

Religiöse Vielfalt und die damit zusammenhängenden Essgewohnheiten werden nicht etwa in einem separaten Kapitel unter einer Überschrift „Essen anderswo“ untergebracht. Vielfalt wird inklusiv behandelt. Eine muslimische Familie ist hier zum Beipiel mit der Bildunterschrift „…zu Hause wünschen wir uns oft eine gemeinsame Mahlzeit“ zu sehen. Sie wird nicht in ein Kapitel über Integration oder interkulturelle Verständigung verschoben. Sie ist in diesem Buch hier im „Wir“. Es gibt in dem Buch durchaus ein Kapitel mit dem Titel „Vielfalt in unserer Küche“. Darin geht es aber nicht um Vielfalt der Menschen oder Lebensweisen, sondern um Vielfalt der Kräuter und Gewürze.

Verbraucherthemen, die junge Menschen auf den eigenständigen Start ins Leben vorbereiten werden hier eingängig erklärt. Es werden Fragen behandelt, wie: Was muss in meinem Mietvertrag stehen? Welche Versicherungen brauche ich? Wie viel Geld benötige ich zum Leben? Aber auch das eigene Konsumverhalten der Schüler wird auf die Probe gestellt. Dies wird vor dem Hintergrund der Nachhaltigkeit und des globalen Denkens anschaulich untersucht.

Das macht dieses Buch für mich so wertvoll: Ein Fach, was von einigen sicher belächelt wird, greift gesellschaftspolitische Themen in einer Art und Weise auf, die nur als zukunftsweisend bezeichnet werden kann.

Fazit: Mehr davon!

 

 

Ankommen in Deutschland

Ankommen in Deutschland

© dkjs/Björn Bernat

© dkjs/Björn Bernat

Der Fachtag „Ankommen in Deutschland. Bildung und Teilhabe für geflüchtete Kinder und Jugendliche“ fand am 24.11.2014 in Leipzig statt. Er wurde von der Deutschen Kinder- und Jugenstiftung organisiert. Die Nachfrage zu dem Thema war sehr groß, denn die Warteliste war genauso lang, wie die tatsächliche Teilnehmerliste, auf der 120 Personen standen. Die Veranstaltung wurde von unterschiedlichsten Akteuren im Feld der Bildung, der Kinder- und Jugendarbeit sowie Behörden und Institutionen besucht. Eines verband sie jedoch: das Interesse einen besseren Umgang mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen zu verwirklichen.

Nach den üblichen Grußwörtern und einer Grundsatzrede am Vormittag ging es in die Workshops, in denen zahlreiche Projekte vorgestellt wurden, die Kindern und Jugendlichen dabei helfen, sich in Deutschland zurechtzufinden, ihr Trauma zu bewältigen oder wieder an Bildungsprozessen teilzuhaben. Es war in Vorträgen, Diskussionen und Gesprächen zu spüren, dass es eine Unsicherheit gibt, wie eine möglichst problemfreie Inklusion von geflüchteten Kindern und Jugendlichen in Schule oder Ausbildung gelingen kann.

Viele Ideen waren getragen von dem Gedanken, geflüchtete Kinder und Jugendliche und Einheimische zusammen­zubringen. Zwar wurde auch von sogenannten „Willkommensklassen“, in denen Geflüchtete separat in Deutsch unterrichtet werden, gesprochen, aber zum großen Teil wurde diese Segregation abgelehnt oder zumindest nicht als förderlich angesehen. Die Kinder und Jugendlichen sollen schnellstmöglich in reguläre Klassen integriert werden, so der Grundtenor. Auch in außerschulischen Projekten war diese Tatsache die Hauptfrage: Wir bringen wir geflüchtete Kinder und Jugendliche und Einheimische zusammen?

Gegen die pauschale Beschulung in Willkommensklassen sprach sich auch Andreas Meißner vom Bundesverband Unbegleiteter Minderjähriger Flüchtlinge e.V. aus, der betonte, die Kinder und Jugendlichen müssen individuell betrachtet werden. Sie haben sehr unterschiedliche Bildungsbiografien, die bei der weiterführenden Bildung in Deutschland berücksichtigt werden müssen.

Insgesamt ist es der Veranstaltung gelungen, verschiedene Herangehensweisen zu präsentieren, um die Situation der geflüchteten Kinder und Jugendlichen zu verbessern. Es wurde jedoch auch festgestellt, dass der aktuelle Zustand häufig nicht akzeptabel ist. Neben der Ratlosigkeit, wie man die Kinder und Jugendlichen am besten integriert, stand aber auch der Wille, bei dem Thema eine positive Veränderung herbeizuführen und sich mit anderen Akteuren in diesem Bereich zu vernetzen. Der Fachtag bot dazu Gelegenheit, aber diese Vernetzung und der Austausch, um voneinander lernen zu können, sollte fortgeführt werden, damit die beginnende positive Entwicklung und die zahlreichen guten Impulse nicht im Sande verlaufen.

 

 

Humane Bildungspraxis vs. Employability

Humane Bildungspraxis vs. Employability

Philosophie_einer_humanen_Bildung_01Der Bildungsdiskurs ist von Ökonomisierungsbestrebungen und Rankings getrieben. Julian Nida-Rümelin versucht mit der „Philosophie einer humanen Bildung“, erschienen in der edition Körber-Stiftung, der Bildung eine kulturelle Leitidee zurückzugeben. Er kritisiert, dass das Bildungssystem die physische, soziale, ethische und ästhetische Seite der Persönlichkeits­entwicklung nicht berücksichtigt. Es betont abfragbares Wissen und vernachlässigt Urteilskraft, kreatives Denken und Wissenstransfer.

Philosophische Grundlagen

Nida-Rümelin erklärt die Grundlagen humaner Bildung anhand von Anthropologie, Humanismus und Rationalität, Freiheit, Verantwortung. Ausgehend von der Frage, was wir als menschlich ansehen, werden im zweiten Kapitel die zentralen Elemente humanistischer Philosophie vorgestellt. Wie sich diese humanistischen Ideen in der Praxis auswirken, zeigt Kapitel drei anhand von Rationalität, Freiheit und Verantwortung.

Im zweiten Teil beschäftigt sich der Autor mit dem Bildungsziel der humanen Vernunft und schreibt (S. 108):

Man muss kein Ethiker sein, um die richtigen Entscheidungen treffen zu können. Aber es gibt charakterliche Voraussetzungen vernünftiger Praxis und diese sind zentrales Bildungsziel.“ (S. 108)

In zwei weiteren Kapiteln in diesem Teil erläutert er die Rolle der Verständigung und geht der Frage nach, welches Wissen man für die Persönlichkeitsbildung erwerben sollte.

Humane Bildungspraxis

Im dritten Teil des Buches erläutert Nida-Rümelin die drei Prinzipien einer humanen Bildungspraxis. Diese sind das Prinzip der Einheit der Person, das Prinzip der Einheit des Wissens, das Prinzip der Einheit der Gesellschaft.

Eine humane Bildungspraxis stiftet Einheit, sie separiert und selektiert nicht.“ (Seite 222)

Im Kapitel zum Prinzip der Einheit der Person geht Nida-Rümelin besonders auf die Herausbildung der Kreativität ein. Sport und die Bildung kreativer Kräfte sollten seiner Meinung nach im Schulalltag einen größeren Platz einnehmen. Auch die Herausbildung einer sozialen Kompetenz, die zur Fähigkeit zur Empathie führt, sollte im Bildungssystem eine Rolle spielen.

Unter der Überschrift „Einheit des Wissens“ beschreibt Nida-Rümelin, welche Kenntnisse staatliche Schulen vermitteln sollten. Er vertritt die Auffassung, dass es nicht die Aufgabe staatlicher Schulen ist, spezielle Fertigkeiten oder Kenntnisse zu vermitteln, die für eine bestimmte Tätigkeit benötigt werden. Sie sollten vielmehr dem allgemeinbildenden Wissenserwerb dienen und damit der Persönlichkeitsbildung. Eine drastische Stoffreduktion nach dem Kriterium, welches Wissen für die Persönlichkeitsbildung relevant ist, hält der Philosoph für notwendig. Laut Nida-Rümelin wird zu viel Wissen vermittelt, welches für spezielle Tätigkeiten benötigt wird. Außerdem scheinen wesentliche Bildungsinhalte zu fehlen. Er nennt hier als Beispiel das in der Lebenspraxis moderner Gesellschaften notwendige Verständnis für Rechtsnormen. Er bemängelt, dass ein vertieftes Verständnis der Rechtsordnung oder der Rechtspraxis kein zentraler Wissensstoff an allgemeinbildenden Schulen ist. Das gleiche gilt für Ökonomie, Psychologie oder Medizin. Das wissenschaftliche Denken sollte laut Nida-Rümelin eine größere Rolle spielen und zentraler Bildungsinhalt an allen staatlichen Schulen sein.

Humane Bildung für gesemtgesellschaftliche Integration

Die Rolle welche die Bildungspraxis für die Gestaltung der Gesellschaft als Ganzes spielt darf weder unter- noch überschätzt werden. Eine humane Bildungspraxis geht von der Gleichwertigkeit aller Menschen aus. Dabei nimmt sie auf die Vielfalt von individuellen Lebensformen, Interessen, Begabungen und kulturellen Prägungen Rücksicht. Diese Rücksichtnahme darf aber nicht zum Vorwand für Selektion und Separation werden. Bildung hat für Nida-Rümelin eine große integrative Kraft.

Die Philosophie humaner Bildung verlangt nach gleichem Respekt und gleicher Anerkennung unterschiedlicher Biographien, Kompetenzen, Interessen und Fähigkeiten.“ (S. 210)

Nida-Rümelin beschreibt aber auch die Spannung zwischen dem Ideal humaner Bildung und der modernen Gesellschaft, die sozial und kulturell zerklüftet ist und betont:

Die Bildungspraxis muss sich um an dieser Spannung von Ideal und Realität nicht zu zerbrechen, als Korrektiv, als Beitrag zur Humanisierung und nicht als Lösungsinstanz aller gesamtgesellschaftlichen Probleme verstehen. „(Seite 244)

 

Fazit:
Julian Nida-Rümelin geht es nicht um die Struktur des Bildungssystems oder um Handlungsempfehlungen. „Philosophie der humanen Bildung“ ist kein Leitfaden zu einem besseren Bildungssystem. Vielmehr liefert Nida Rümelin die philosophischen Leitideen einer humanen Bildung, von denen viele seit Langem bekannt sind. Der Autor versteht es, die Bedeutung dieser Ideen für den heutigen Bildungsdiskurs zu verdeutlichen.

 

Julian Nida-Rümelin
Philosophie einer humanen Bildung
Edition Körber-Stiftung
248 Seiten
ISBN: 978-3-89684-096-7

 

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