Analyse unserer Migrationsgesellschaft

Analyse unserer Migrationsgesellschaft

„Der rote Faden, der alle Beiträge verbindet, ist, das die Neu­orientier­ung der Bildung einen Para­digmen­wechsel erfordert: die Anerkennung der Tatsache, dass sprach­lich­-kulturelle Hetero­genität ein zentrales Normalitäts­merkmal moderner Gesell­schaften ist und jede Veränderung im Bildungs­bereich dies als Voraus­setzung wie als Ziel anerkennen muss“.

(Einleitung, S. 13)


İnci Dirim, Ingrid Gogolin, Dagmar Knorr, Marianne Krüger-Potratz, Drorit Lengyel, Hans H. Reich, Wolfram Weiße (Hrsg.)

Impulse für die Migrationsgesellschaft. Bildung, Politik und Religion

2015, Bildung in Umbruchsgesellschaften, Band 12, 342 Seiten, broschiert, 34,90 €, ISBN 978-3-8309-3224-6

Die „Impulse für die Migrationsgesellschaft“ kommen gerade zur rechten Zeit. Die Frage, wie sich unsere Gesellschaft durch die Zuwanderung verändern wird, beschäftigt im Moment sehr viele Menschen. Dieses Buch enthält 25 kurze Beiträge zu unterschiedlichsten Themen, die diese Frage berühren.

Schon seit vielen Jahren beschäftigen sich Wissenschaftler mit Problemstellungen, die sich aus Migration und einer vielfältigen Gesellschaft ergeben. Hier werden diese Forschungen in einem Buch zusammengefasst. Es liest sich wie das Who-is-Who der interkulturellen Bildung in Deutschland. „Impulse für die Migrationsgesellschaft“ ist Ursula Neumann gewidmet, die in diesem Themenbereich eine zentrale Position innehat und viele Forscher_innen beeinflusste.

Das Buch ist in vier Teile gegliedert. Im ersten Teil geht es um Grund­begriffe. Unter anderem wird hier der Diskurs um Begriffe „Flüchtlinge“ und „Ausländer“ analysiert. Es geht um entwicklungs­politische Bildungs­arbeit und das Konzept der „Bildungs­sprache“. Im zweiten Teil wird der Bereich der Politik und der Institutionen unter die Lupe genommen. Es werden verschiedene Projekte aus dem Bereich Integration vorgestellt und analysiert. Im dritten Teil wird das Zusammen­treffen der Religionen thematisiert. Es geht hier um die Selbst­organisation islamischer Religions­gemeinschaften, um Erziehung in muslimischen Familien und zum Zusammen­spiel von Religion und Vielfalt. Im vierten Teil geht es schließlich um den Bildungs­bereich. Hier werden die Themen Chancen­gerechtigkeit, Lehrer­bildung und Mehr­sprachig­keit angesprochen.

Es ist unmöglich hier auf jeden Beitrag einzugehen. Ich möchte aber gern auf den Beitrag von Heike Niedrig hinweisen, der die Bedeutung des Buches für die aktuell stattfindenden Debatten deutlich macht. Sie schreibt in „Ausländer und Flüchtlinge. Eine postkoloniale Diskursanalyse“:

„Der Flüchtling ist nicht einfach da, sondern wird diskursiv hergestellt, sowohl im juristischen und politischen als auch im öffentlich-medialen und Alltagsdiskurs.“ (S. 31)

Sie beschreibt für den Begriff „Flüchtling“ eine Täter-Opfer-Dichotomie sowie eine Täter-Opfer-Retter-Triade — Konzepte, mit denen sich Journalist_innen, die über die sogenannte „Flüchtlingskrise“ berichten, auseinandersetzen sollten.

Fazit: Die kurz gehaltenen Beiträge bieten einen sehr guten Zugang zu komplexen Themen. Wer sich mit Vielfalt in unserer Gesellschaft auseinandersetzt, sollte dieses Buch lesen. Es liefert sehr wertvolle Impulse.


Untersuchung der Lebenssituation minderjähriger Flüchtlinge

Das Flüchtlingsthema ist allgegenwärtig. Oft werden Kenntnisse über die Situation der Flüchtlinge unterstellt, wo doch nur einzelne Erfahrungen wiedergegeben werden. Ein Projekt des Deutschen Jugendinstituts will jetzt die Lebenssituation der minderjährigen Flüchtlinge näher untersuchen. Die Verantwortlichen wollen mit empirischen Untersuchungen die Lebenslagen der jungen Flüchtlinge analysieren. Im Zentrum steht die Frage, wie sie selbst ihre Situation wahrnehmen. Fühlen sie sich sicher? Oder gibt es in Deutschland neue Unsicherheiten? Was hilft ihnen bei ihrer Ankunft in Deutschland? Dabei sollen nicht nur die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge befragt werden, sondern auch diejenigen, die mit ihrer Familie hier angekommen sind.

Die Studie, die bis Ende 2016 läuft, soll auch konkrete Bedarfe ermitteln. Welche Angebote brauchen die Kinder und Jugendlichen? Wo besteht Handlungsbedarf?

Wer nicht auf die Studienergebnisse warten kann, schaut sich inzwischen vielleicht schon einmal dieses Buch über Kinderflüchtlinge an.

 

 

Interkulturelle Kompetenz – Schlüsselqualifikation nur für Führungskräfte?

Interkulturelle Kompetenz zählt mittlerweile zu den Schlüsselqualifikationen für Führungskräfte. In fremdkulturellen Kontexten erfolgreich zu verhandeln hat in der globalen Wirtschaft einen sehr hohen Nutzen. Dennoch sollte bei der interkulturellen Kompetenz nicht nur an den wirtschaftlichen Nutzen gedacht werden. Gerade in der aktuellen Situation wird deutlich, wie wichtig interkulturelle Kompetenz auch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist.

In Seminaren zur interkulturellen Kompetenz für Führungskräfte wird dann gelehrt, dass man arabischen Geschäftsleuten besser nicht die Hand gibt, besonders wenn sie dem anderen Geschlecht angehören; im Gespräch mit Chinesen keine hektische Körpersprache, in den USA lieber keinen Alkohol zum Essen und berühmt berüchtigt sind die Rituale des Visitenkarten-Tausches mit Japanern.

Dieses Verständnis erfüllt ein zentrales Kriterium von interkultureller Kompetenz, nämlich die Effektivität: Habe ich mein Ziel in der Interkulturellen Situation erreicht?  Ein weiteres Kriterium ist das der Angemessenheit, bei dem es um die Frage geht, ob man sich in einer interkulturellen Situation angemessen verhalten hat. (Straub, Nothnagel und Weidemann, 2010, S. 17) Diese Frage ist weitaus schwieriger zu beantworten.

Das interkulturelle Lernen vermittelt viel mehr als das bloße Verhandlungsgeschick in anderen Kontexten. Es geht weit über wirtschaftliche Interessen hinaus. Interkulturelles Lernen beinhaltet zum Beispiel das Erlernen einer Fremdsprache. Es ermöglicht, sich schnell in fremdkulturellen Umgebungen orientieren und anpassen zu können. Es steigert die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit. Und nicht zuletzt sorgt es dafür, dass man mit scheinbaren Widersprüchen umgehen kann. Man versteht zum Beispiel, dass der Respekt für eine Frau nicht unmittelbar damit etwas zu tun hat, ob ein Mann ihr die Hand zur Begrüßung reicht. Denn das gilt im Verständnis des anderen als respektlos.

Das Lernen interkultureller Kompetenzen

Interkulturelle Kompetenz berührt die tieferen Schichten einer Person. (Straub et al. 2010, S. 21) Interkulturelles Lernen stellt die eigene Identität in Frage, denn es geht um Fragen wie: Wer sind die anderen? Wer bin ich? Wie unterscheiden wir uns? Unterscheiden wir uns überhaupt? Wie sehe ich die Welt und wie die anderen? Interkulturelles Lernen erfordert eine hohe Reflexionsfähigkeit und die Möglichkeit, auf Distanz zu sich selbst und zum Eigenen zu gehen (Straub 2010, S. 32-33)

Der interkulturell kompetente Mensch ist eine Idealvorstellung, die niemand jemals vollständig erreicht haben wird. Allerdings, so schreiben Straub, Nothnagel und Weidemann, muss man sich „vergegenwärtigen, dass niemand das perfektionistische Ideal des interkulturell  kompetenten Menschen erreicht haben muss, um bereichernde Begegnungen und befriedigende Beziehungen mit Menschen dieser oder jener kulturellen Herkunft erleben zu können. (Straub et al., 2010, p. 22)

Gerade in der jetzigen Situation wird offenbar, dass interkulturelle Kompetenzen und der Umgang mit Vielfalt noch viel stärker in Bildungsbemühungen einbezogen werden müssen. Nicht nur in Integrationskurse für Ankommende, sondern auch in Weiterbildungen für Behördenmitarbeiterinnen, für Erzieher und Lehrerinnen. Auch Unternehmen können Ihre Angestellten zu diesem Thema weiterbilden, um die Zusammenarbeit und den Zusammenhalt in bunten Belegschaften zu verbessern.

 


 

Literatur:

Straub, J. (2010). Lerntheoretische Grundlagen. In A. Weidemann, J. Straub, & S. Nothnagel (Eds.), Kultur und soziale Praxis. Wie lehrt man interkulturelle Kompetenz? Theorien, Methoden und Praxis in der Hochschulausbildung : ein Handbuch (S. 31–98). Bielefeld: transcript.

Straub, Jürgen, Steffi Nothnagel und Arne Weidemann. (2010). Interkulturelle Kompetenz lehren:: Begriffliche und theoretische Voraussetzungen. In A. Weidemann, J. Straub, & S. Nothnagel (Eds.), Kultur und soziale Praxis. Wie lehrt man interkulturelle Kompetenz? Theorien, Methoden und Praxis in der Hochschulausbildung : ein Handbuch (S. 15–27). Bielefeld: transcript.

 

Humane Bildungspraxis vs. Employability

Humane Bildungspraxis vs. Employability

Philosophie_einer_humanen_Bildung_01Der Bildungsdiskurs ist von Ökonomisierungsbestrebungen und Rankings getrieben. Julian Nida-Rümelin versucht mit der „Philosophie einer humanen Bildung“, erschienen in der edition Körber-Stiftung, der Bildung eine kulturelle Leitidee zurückzugeben. Er kritisiert, dass das Bildungssystem die physische, soziale, ethische und ästhetische Seite der Persönlichkeits­entwicklung nicht berücksichtigt. Es betont abfragbares Wissen und vernachlässigt Urteilskraft, kreatives Denken und Wissenstransfer.

Philosophische Grundlagen

Nida-Rümelin erklärt die Grundlagen humaner Bildung anhand von Anthropologie, Humanismus und Rationalität, Freiheit, Verantwortung. Ausgehend von der Frage, was wir als menschlich ansehen, werden im zweiten Kapitel die zentralen Elemente humanistischer Philosophie vorgestellt. Wie sich diese humanistischen Ideen in der Praxis auswirken, zeigt Kapitel drei anhand von Rationalität, Freiheit und Verantwortung.

Im zweiten Teil beschäftigt sich der Autor mit dem Bildungsziel der humanen Vernunft und schreibt (S. 108):

Man muss kein Ethiker sein, um die richtigen Entscheidungen treffen zu können. Aber es gibt charakterliche Voraussetzungen vernünftiger Praxis und diese sind zentrales Bildungsziel.“ (S. 108)

In zwei weiteren Kapiteln in diesem Teil erläutert er die Rolle der Verständigung und geht der Frage nach, welches Wissen man für die Persönlichkeitsbildung erwerben sollte.

Humane Bildungspraxis

Im dritten Teil des Buches erläutert Nida-Rümelin die drei Prinzipien einer humanen Bildungspraxis. Diese sind das Prinzip der Einheit der Person, das Prinzip der Einheit des Wissens, das Prinzip der Einheit der Gesellschaft.

Eine humane Bildungspraxis stiftet Einheit, sie separiert und selektiert nicht.“ (Seite 222)

Im Kapitel zum Prinzip der Einheit der Person geht Nida-Rümelin besonders auf die Herausbildung der Kreativität ein. Sport und die Bildung kreativer Kräfte sollten seiner Meinung nach im Schulalltag einen größeren Platz einnehmen. Auch die Herausbildung einer sozialen Kompetenz, die zur Fähigkeit zur Empathie führt, sollte im Bildungssystem eine Rolle spielen.

Unter der Überschrift „Einheit des Wissens“ beschreibt Nida-Rümelin, welche Kenntnisse staatliche Schulen vermitteln sollten. Er vertritt die Auffassung, dass es nicht die Aufgabe staatlicher Schulen ist, spezielle Fertigkeiten oder Kenntnisse zu vermitteln, die für eine bestimmte Tätigkeit benötigt werden. Sie sollten vielmehr dem allgemeinbildenden Wissenserwerb dienen und damit der Persönlichkeitsbildung. Eine drastische Stoffreduktion nach dem Kriterium, welches Wissen für die Persönlichkeitsbildung relevant ist, hält der Philosoph für notwendig. Laut Nida-Rümelin wird zu viel Wissen vermittelt, welches für spezielle Tätigkeiten benötigt wird. Außerdem scheinen wesentliche Bildungsinhalte zu fehlen. Er nennt hier als Beispiel das in der Lebenspraxis moderner Gesellschaften notwendige Verständnis für Rechtsnormen. Er bemängelt, dass ein vertieftes Verständnis der Rechtsordnung oder der Rechtspraxis kein zentraler Wissensstoff an allgemeinbildenden Schulen ist. Das gleiche gilt für Ökonomie, Psychologie oder Medizin. Das wissenschaftliche Denken sollte laut Nida-Rümelin eine größere Rolle spielen und zentraler Bildungsinhalt an allen staatlichen Schulen sein.

Humane Bildung für gesemtgesellschaftliche Integration

Die Rolle welche die Bildungspraxis für die Gestaltung der Gesellschaft als Ganzes spielt darf weder unter- noch überschätzt werden. Eine humane Bildungspraxis geht von der Gleichwertigkeit aller Menschen aus. Dabei nimmt sie auf die Vielfalt von individuellen Lebensformen, Interessen, Begabungen und kulturellen Prägungen Rücksicht. Diese Rücksichtnahme darf aber nicht zum Vorwand für Selektion und Separation werden. Bildung hat für Nida-Rümelin eine große integrative Kraft.

Die Philosophie humaner Bildung verlangt nach gleichem Respekt und gleicher Anerkennung unterschiedlicher Biographien, Kompetenzen, Interessen und Fähigkeiten.“ (S. 210)

Nida-Rümelin beschreibt aber auch die Spannung zwischen dem Ideal humaner Bildung und der modernen Gesellschaft, die sozial und kulturell zerklüftet ist und betont:

Die Bildungspraxis muss sich um an dieser Spannung von Ideal und Realität nicht zu zerbrechen, als Korrektiv, als Beitrag zur Humanisierung und nicht als Lösungsinstanz aller gesamtgesellschaftlichen Probleme verstehen. „(Seite 244)

 

Fazit:
Julian Nida-Rümelin geht es nicht um die Struktur des Bildungssystems oder um Handlungsempfehlungen. „Philosophie der humanen Bildung“ ist kein Leitfaden zu einem besseren Bildungssystem. Vielmehr liefert Nida Rümelin die philosophischen Leitideen einer humanen Bildung, von denen viele seit Langem bekannt sind. Der Autor versteht es, die Bedeutung dieser Ideen für den heutigen Bildungsdiskurs zu verdeutlichen.

 

Julian Nida-Rümelin
Philosophie einer humanen Bildung
Edition Körber-Stiftung
248 Seiten
ISBN: 978-3-89684-096-7

 

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