Interkulturelle Kompetenz – Schlüsselqualifikation nur für Führungskräfte?

Interkulturelle Kompetenz zählt mittlerweile zu den Schlüsselqualifikationen für Führungskräfte. In fremdkulturellen Kontexten erfolgreich zu verhandeln hat in der globalen Wirtschaft einen sehr hohen Nutzen. Dennoch sollte bei der interkulturellen Kompetenz nicht nur an den wirtschaftlichen Nutzen gedacht werden. Gerade in der aktuellen Situation wird deutlich, wie wichtig interkulturelle Kompetenz auch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist.

In Seminaren zur interkulturellen Kompetenz für Führungskräfte wird dann gelehrt, dass man arabischen Geschäftsleuten besser nicht die Hand gibt, besonders wenn sie dem anderen Geschlecht angehören; im Gespräch mit Chinesen keine hektische Körpersprache, in den USA lieber keinen Alkohol zum Essen und berühmt berüchtigt sind die Rituale des Visitenkarten-Tausches mit Japanern.

Dieses Verständnis erfüllt ein zentrales Kriterium von interkultureller Kompetenz, nämlich die Effektivität: Habe ich mein Ziel in der Interkulturellen Situation erreicht?  Ein weiteres Kriterium ist das der Angemessenheit, bei dem es um die Frage geht, ob man sich in einer interkulturellen Situation angemessen verhalten hat. (Straub, Nothnagel und Weidemann, 2010, S. 17) Diese Frage ist weitaus schwieriger zu beantworten.

Das interkulturelle Lernen vermittelt viel mehr als das bloße Verhandlungsgeschick in anderen Kontexten. Es geht weit über wirtschaftliche Interessen hinaus. Interkulturelles Lernen beinhaltet zum Beispiel das Erlernen einer Fremdsprache. Es ermöglicht, sich schnell in fremdkulturellen Umgebungen orientieren und anpassen zu können. Es steigert die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit. Und nicht zuletzt sorgt es dafür, dass man mit scheinbaren Widersprüchen umgehen kann. Man versteht zum Beispiel, dass der Respekt für eine Frau nicht unmittelbar damit etwas zu tun hat, ob ein Mann ihr die Hand zur Begrüßung reicht. Denn das gilt im Verständnis des anderen als respektlos.

Das Lernen interkultureller Kompetenzen

Interkulturelle Kompetenz berührt die tieferen Schichten einer Person. (Straub et al. 2010, S. 21) Interkulturelles Lernen stellt die eigene Identität in Frage, denn es geht um Fragen wie: Wer sind die anderen? Wer bin ich? Wie unterscheiden wir uns? Unterscheiden wir uns überhaupt? Wie sehe ich die Welt und wie die anderen? Interkulturelles Lernen erfordert eine hohe Reflexionsfähigkeit und die Möglichkeit, auf Distanz zu sich selbst und zum Eigenen zu gehen (Straub 2010, S. 32-33)

Der interkulturell kompetente Mensch ist eine Idealvorstellung, die niemand jemals vollständig erreicht haben wird. Allerdings, so schreiben Straub, Nothnagel und Weidemann, muss man sich „vergegenwärtigen, dass niemand das perfektionistische Ideal des interkulturell  kompetenten Menschen erreicht haben muss, um bereichernde Begegnungen und befriedigende Beziehungen mit Menschen dieser oder jener kulturellen Herkunft erleben zu können. (Straub et al., 2010, p. 22)

Gerade in der jetzigen Situation wird offenbar, dass interkulturelle Kompetenzen und der Umgang mit Vielfalt noch viel stärker in Bildungsbemühungen einbezogen werden müssen. Nicht nur in Integrationskurse für Ankommende, sondern auch in Weiterbildungen für Behördenmitarbeiterinnen, für Erzieher und Lehrerinnen. Auch Unternehmen können Ihre Angestellten zu diesem Thema weiterbilden, um die Zusammenarbeit und den Zusammenhalt in bunten Belegschaften zu verbessern.

 


 

Literatur:

Straub, J. (2010). Lerntheoretische Grundlagen. In A. Weidemann, J. Straub, & S. Nothnagel (Eds.), Kultur und soziale Praxis. Wie lehrt man interkulturelle Kompetenz? Theorien, Methoden und Praxis in der Hochschulausbildung : ein Handbuch (S. 31–98). Bielefeld: transcript.

Straub, Jürgen, Steffi Nothnagel und Arne Weidemann. (2010). Interkulturelle Kompetenz lehren:: Begriffliche und theoretische Voraussetzungen. In A. Weidemann, J. Straub, & S. Nothnagel (Eds.), Kultur und soziale Praxis. Wie lehrt man interkulturelle Kompetenz? Theorien, Methoden und Praxis in der Hochschulausbildung : ein Handbuch (S. 15–27). Bielefeld: transcript.

 

Lernen ist immer und überall

Lernen ist immer und überall

Einradfahren lernen mit Unterstützung einer anderen Person

Lernen als ganzheitlicher sozial eingebetteter Prozess. (Quelle: Flickr ][\/][ )

Jeder Mensch lernt. Es ist eine anthropologische Gegebenheit, dass wir ohne Kenntniszuwachs nicht überleben könnten. Das heißt der Mensch lernt, weil (oder: damit) er lebt. Lange Zeit war die einzige Form des Lernens das sozialisatorische Lernen im Alltag. Durch das unmittelbare Weitergeben der Kenntnisse und Fertigkeiten der älteren Generation lernten die Jungen von den Alten. Heutzutage treffen wir oft eine vom Leben abgetrennte Lernsituation. Sie besteht aus einem Lehrenden, der einen Wissens-oder Kompetenzvorsprung gegenüber dem Lernenden ausweist. Ziel des Lernens ist dabei die Aufhebung dieses Unterschieds.

Der bildungswissenschaftliche Lernbegriff umfasst verschiedene Dimensionen. Die offensichtlichste ist die Inhaltsdimension. Durch das Lernen eignet man sich neue Lerninhalte, also Fertigkeiten oder Kenntnisse, an. In der Auseinandersetzung mit der Umwelt macht jeder abhängig von den eigenen Interessen neue Erfahrungen. Das dadurch erworbene Wissen führt zu einem Transformationsprozess, was auch ein Um- oder Verlernen bedeuten kann. Lernen wird als ganzheitlicher Prozess verstanden, der immer in eine soziale Praxis eingelagert.

Lernen ist ein lebensbegleitendes Phänomen und es bezieht sich nicht nur auf das Lernen in Institutionen. Wir lernen bei der Ausübung unserer Hobbys, bei einer Reifenpanne, bei einer Wanderung, beim Backen oder Kochen. Die Zahl der Beispiele ist unendlich. Lernen findet immer und überall statt.