„Dein Tag für Afrika“ – Eine Kritik

„Dein Tag für Afrika“ – Eine Kritik

Heute findet der bundesweite Aktionstag „Dein Tag für Afrika“ der Aktion Tagwerk statt. Schüler gehen nicht in die Schule (Yay!!), sondern organisieren eine Aktion für „einen guten Zweck.“ Sie arbeiten irgendwo, veranstalten einen Spendenlauf, versuchen halt irgendwie an Geld zu kommen. Das Geld wird an die Aktion Tagwerk gespendet, die es dann an das Human Help Network weitergibt, das es an Bildungsprojekte in Afrika verteilt.

Was zunächst toll aussieht, hat einen Haken: Was genau lernen die Schülerinnen und Schüler dabei? Schauen wir uns zunächst einmal das Kampagnenvideo an:

Bis Minute 0:39: Eine Schülerin in Deutschland weiß, dass es Schülerinnen und Schüler in Afrika nicht so leicht haben und ihr Leben nicht selbst gestalten können. Deshalb muss sie helfen. Klar, die Afrikaner können sich ja nicht selbst helfen und es wird auch gleich erklärt, warum.

Bis Minute 1:53: Als Beispiel für ganz Afrika dient Ruanda: Überbevölkerung; Flüchtlinge; Krieg und Konflikt und deren Folgen; Eltern vernachlässigen Kinder; Krankheiten (Malaria, AIDS);

Dann Erwähnung der 12-jährigen Schulpflicht. Gut!

Danach geht es allerdings gleich weiter mit Problemen: Schulabbruch wegen Armut, ungewollter Schwangerschaften oder wegen Hilfe bei Haus- oder Feldarbeit; in Schulen fehlen Klassenräume und Lehrer.

Minute 2:25: Auftritt der Heldin. Die Schülerin hat einen Solidaritätsmarsch organisiert. Daraus entstand die Aktion Tagwerk.

Minute 3:00 Handlungsaufruf: „Werde auch du ein Tagwerker.“ Du kannst auch ein Held sein!

Minute 3:19 Handlungsoptionen werden aufgezeigt: Rasen mähen, Kuchen verkaufen usw. „Deiner Kreativität sind keine Grenzen gesetzt“ heißt es dort. Naja, in Afrika haben sie keine Kreativität, deshalb bekommen sie ihre Probleme auch nicht geregelt. Helfen macht Spaß (und hey, die Schule fällt aus!)

Es folgt noch einmal die Versicherung, das deine Hilfe Afrika retten wird.

„Mit deiner Unterstützung an nur einem Tag kann unglaublich viel für die Zukunftschancen von Kindern und Jugendlichen in Afrika getan werden.“

Afrika auf Augenhöhe begegnen

Wann werden wir wohl endlich aufhören Afrika als armen hilfsbedürftigen Empfänger und uns (Europa oder „den Westen“) als gönnerhaften Geber darzustellen?  Warum werden deutsche Jugendliche als handlungsfähig dargestellt, während afrikanische Jugendliche als handlungsunfähige Opfer ihrer Lebenswirklichkeit gezeigt werden? Was genau lernen deutsche Schülerinnen und Schüler hier? Nichts, jedenfalls nichts neues. Es werden Stereotype und gleichzeitig neokoloniale Machtstrukturen verfestigt.

Es ist schade, denn das Kampagnenmotto in diesem Jahr „Vernetzen. Verbinden. Verändern“ klingt vielversprechend. Ich konnte auf der Website der Aktion leider keinen einzigen Anhaltspunkt finden, wie man sich mit Schülerinnen und Schülern aus Afrika vernetzen oder verbinden kann. Lediglich die Helfer untereinander sollen sich vernetzen.

Ist es nicht an der Zeit, das wir Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit bieten, Schülerinnen und Schülern in Afrika auf Augenhöhe zu begegnen? Wir haben mit den digitalen Medien die Möglichkeit. Warum kein gemeinsames Projekt anstoßen? Warum sollten sich Schülerinnen und Schüler aus Deutschland und Ruanda nicht gemeinsam mit Themen, wie Demokratie oder Umweltschutz, beschäftigen. Die Kommunikation kann über ein gemeinsam gestaltetes Blog, Google Docs oder Skype verlaufen. Innerhalb Europas bietet E-Twinning eine ideale Plattform, die auch für Projekte mit Schulen außerhalb Europas genutzt werden kann.  Es wäre so viel sinnvoller, einmal mit den anderen zu reden, anstatt nur über sie. Gemeinsame Projekte können die Welt verändern, nicht einseitige Hilfe, so gut sie auch gemeint sein mag. Sie macht abhängig und verfestigt Machtverhältnisse.

 

Stereotype durchbrechen

Ziel von Aktion Tagwerk ist es

„die Schülerinnen und Schüler für den Kontinent Afrika, seine Menschen und ihre Lebensumstände zu sensibilisieren, Stereotype über den „Armutskontinent“ abzubauen und auf globale Zusammenhänge aufmerksam zu machen.“

Zu diesem Zweck bringt das Infomobil der Aktion Tagwerk ein Bildungsprojekt an die Schulen: den Afrika-Parcours.

„Ob Körbe auf dem Kopf tragen, Wasserkanister schleppen oder afrikanische Geschicklichkeitsspiele ausprobieren, für jeden ist etwas dabei. So können die Jüngeren Afrika spielerisch erleben und erfahren.“

Stereotype widerlegen? Fehlanzeige!

Stereotype widerlegt man am besten, indem man die Möglichkeit schafft, „die anderen“ kennenzulernen und dabei automatisch feststellt, dass es ja gar keine homogene wasserkanisterschleppende Masse ist, die den afrikanischen Kontinent bewohnt. Dazu muss man nicht jahrelang durch Afrika reisen. Eine veränderte (d.h. differenziertere) Darstellung Afrikas in Medien und Schulbüchern würde schon genügen.

Einen sehenswerten Vortrag zum Thema Handlungsfähigkeit und voneinander lernen gab es auf der re:publica:

 

Sollten Sie an Ihrer Schule Stereotype tatsächlich einmal infrage stellen wollen, dann nutzen Sie doch einfach dieses Video:

Weiterführendes Diskussionsmaterial finden Sie auf der Homepage von Africa for Norway.